asut-Bulletin
Future Mobility
Ausgabe
04/2020
Wer jetzt nicht dabei ist, verpasst eine grosse Chance

 

Der ITS World Congress ist die weltweit grösste Mobilitätsveranstaltung für «Intelligente Transport-Systeme», an welcher während einer Woche mehr als 15‘000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und über 400 Messe-Austeller aus der ganzen Welt erwartet werden, um Herausforderungen und Lösungen im Bereich Mobilität zu diskutieren. Der Kongress findet jährlich abwechselnd in Nordamerika, Asien und Europa statt. Die Stadt und der Kanton Zürich sowie der Verband its switzerland bewerben sich gemeinsam mit Partnern aus Industrie, Wirtschaft und Forschung und den verantwortlichen Bundesstellen um die Austragung des ITS World Congress 2024. Gespräch mit Arnd König, Mitglied des Organisationskomitees.

asut: Was prädestiniert die Schweiz dafür, den ITS World Congress 2024 auszutragen?

Arnd König: Die Schweiz kann in Sachen Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung des Verkehrswesens einiges vorweisen. Und sie sieht auf eine lange Tradition zurück. Das hat mit dem alpenüberquerenden Verkehr angefangen: Vom Maultier auf die Postkutsche und von der Postkutsche auf die Eisenbahn zu wechseln, das war bereits smarte Mobilität, weil es Transport und Personenverkehr in zunehmend relevantem Rahmen möglich machte. Und diese Schweizer Tradition der intelligenten Verkehrslösungen hat sich fortgesetzt: Nehmen wir die E-Bike Pioniere der letzten 20 Jahre oder ganz aktuell bewegungsabhängige, berührungslose Abrechnung von ÖV-Tickets – das sind Beispiele, denen weltweit Anerkennung gezollt wird.

Die Schweiz ist also ein Land der Verkehrspioniere?

Genau. Und zwar nicht nur, was Vergangenheit und Gegenwart betrifft. Mit Visionären im Bereich der Luftfahrt oder auch im Bereich der Automobile spannen wir den Bogen bis in die Zukunft. Die verschiedenen Verkehrsträger intelligent zu vernetzen ist eine riesige Herausforderung. Aber wenn Sie aktuelle Sammlungen von relevanten Mobilitätsdienstleistungen wie zum Beispiel trafik.guide nehmen, dann sehen Sie, dass viele dieser Lösungen in der Schweiz entwickelt wurden. Es gib hier in Sachen smarter Mobilität ein riesiges Potenzial und sehr viel Vorzeigenswertes. An diesem Schweizer Pionierwesen hängen wir die Kandidatur auf.

Und warum der Austragungsort Zürich?

Weil Zürich unter dem Gesichtspunkt der Verkehrsplanung als grösste Agglomeration der Schweiz sicher der interessanteste Raum ist – es gibt hier zahlreiche innovative Projekte zu präsentieren. Dazu kommt, dass Zürich auch international sehr gut erreichbar ist und dass hier, sowohl auf kantonaler wie auch auf Gemeindeebene, das Thema Digitalisierung und der damit verbundene Umbruch im Verkehrswesen in der Politik ein grosses Thema ist und bewusst versucht wird, das Strassennetz auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Die kantonale Verwaltung begleitet zum Beispiel verschiedene grosse Forschungsprojekte zum automatisierten Fahren oder zu den sozio-ökonomischen und ökologischen Auswirkungen der Digitalisierung auf den Verkehr sehr eng.  

ITS steht für «Intelligent Transport Systems». Wann sind Verkehrssysteme «intelligent»?

Das fragen wir uns natürlich auch. Spass beiseite: Man kann sich fragen, ob «intelligent» überhaupt noch der richtige Begriff ist. Denn man könnte auch argumentieren, dass das intelligenteste Verkehrsmittel eigentlich das Fahrrad ist. Und das hat, per se, mit Digitalisierung nichts zu tun. Im Bereich der smarten Mobilität ist Intelligenz der Versuch, eine möglichst umfassende Vernetzung herbeizuführen und zu verstärken. Und dazu braucht man natürlich digitale Plattformen. Sei es, um den Betrieb des öffentlichen Verkehrs mit langsamen Verkehrsmitteln und Sharing-Modellen zu ergänzen, sei es, um Nutzerinnen und Nutzern zu ermöglichen, via Smartphone-Apps als persönliche Assistenten von dieser Vernetzung optimal zu profitieren. Der zweite schlagende Begriff, der mit der Smarten Mobilität verbunden ist, ist die Effizienz: Einerseits die Flächeneffizienz, das heisst die optimale Ausnutzung der vorhandenen Infrastrukturen im vorhandenen Raum. Und andererseits die Energieeffizienz. Das sind, neben der reinen Verminderung der Schadstoffemissionen im Verkehrswesen generell, wichtige Aspekte, die nicht nur ökologische, sondern auch wichtige ökonomische Effekte haben.

Was sind im Bereich des Verkehrs die grössten Probleme, die in den nächsten Jahren anstehen?

Aus meiner Sicht der Verkehrsplanung im Raum Zürich steht an erster Stelle sicher das Bevölkerungswachstum mit dem damit einhergehenden Wachstum des Verkehrs und der Anzahl der Wege. Wir haben eine Infrastruktur, die bereits heute in Spitzenzeiten überlastet ist. Entsprechend gross ist die Herausforderung, dieses Wachstum mit der gleichen Verkehrsfläche zu lösen. In einem so dicht besiedelten Raum ist es kaum noch möglich, neue Strassen zu bauen. Wir wissen heute zudem, dass das auch nicht zielführend wäre, weil das Angebot der Nachfrage immer hinterherhinken wird. Die Lösung muss deshalb sein, unser Angebot mit derselben Fläche entsprechend zu optimieren, also effizienter zu werden, um mehr Leistung anbieten zu können. Hierzu ist intelligente Technik erforderlich.

 

Zu allen möglichen Herausforderungen im Mobilitätsbereich zeigt das «Future ITS Wheel» bereits vorhandene Lösungen auf (Quelle: its2024.ch)

 

International gesehen ist die ganze Schweiz mit einer mittleren Grossstadt mit acht Millionen Einwohnern vergleichbar. Sind unsere Verkehrslösungen für andere Länder da überhaupt interessant?

Die Verstädterung nimmt überall auf der Welt zu und viele urbane Grossräume haben sehr ähnliche Probleme – man kann also durchaus von der Schweiz auf andere zurückschliessen und umgekehrt. Die Probleme liegen meist dort, wo Verkehrssysteme bereits heute ausgelastet sind und da können wir Lösungen präsentieren. Auch beim gegenteiligen Problem, also dort, wo die Erreichbarkeit abnimmt, weil das Angebot für wenig dichter besiedelte Randgebiete zu teuer wird, haben wir interessante Ansätze dafür vorzuweisen, wie man wenig Passagiere intelligent und ökonomisch vernetzen kann – auch das ist vielerorts in Europa eine aktuelle Herausforderung.

Ist der ITS World Congress als Schaufenster für solche Lösungen gedacht?

Der Kongress findet in vier Jahren statt. Zu diesem Zeitpunkt werden wir im Bereich der Digitalisierung schon wieder eine Generation weiter sein und neue Möglichkeiten zur Verfügung haben. Es kann also nicht nur darum gehen, fixfertige Smart-Mobility-Lösungen von heute zu zeigen – die dürften dann bereits überholt sein. Zudem legt der europäische Dachverband ERTICO, der über den Veranstaltungsort entscheidet, Wert darauf, dass die Tagung dazu beiträgt, einen Entwicklungsschub zu erzeugen. Der Kongress ist deshalb als eine Art globale, übergeordnete Werkschau konzipiert, an der wir anhand von konkreten Projekten aufzeigen, wie die Herausforderungen im Bereich der zukünftigen Mobilität hier und anderswo angegangen werden. Gemeinsam mit Experten aus aller Welt wollen wir diskutieren, was noch zu tun bleibt und wie das bereits erarbeitete Wissen dafür genutzt werden kann. Diese Werkschau ist also der ideale Platz für die schweizerische Verkehrsindustrie, der Welt innovative und zukunftsfähige Lösungen zu präsentieren. Diese Produkte werden heute entwickelt und haben vielleicht in vier Jahren Produktionsreife erreicht. Ein idealer Zeitpunkt für Start-ups wie für etablierte Betriebe. Wir erhoffen uns in den nächsten Jahren für die Schweiz genau diesen Entwicklungsschub und dann in 2024 die entsprechende Aussenwirkung.

Die Pandemie hat die hypermobile Gesellschaft wochenlang ausgebremst und die Massenmobilität in Frage gestellt: die Schulen geschlossen, die Angestellten im Home Office, der ÖV verwaist, weil die Leute lieber allein im Auto sitzen aus Sorge, sich anzustecken – und dazu ein plötzlicher Veloboom. Die Smart-Mobility-Pläne der Verkehrsplaner muss das alles ziemlich durcheinanderbringen?

In der klassischen Verkehrsplanung geht es natürlich nicht allein um Digitalisierung, sondern ganz grundsätzlich darum, Verkehrsflächen so zu gestalten, dass ein sicherer, effizienter und verträglicher Betrieb für alle sichergestellt wird. Dafür ist Verkehrsvermeidung eines der besten und ökonomischsten Mittel. Home Office ist eine sehr gute Möglichkeit zur Verkehrsvermeidung: Dass der Verkehr in den Spitzenzeiten um 15 Prozent abnehmen kann, wenn alle einen Tag zu Hause arbeiten, ist den Verkehrsfachleuten schon lange klar. Aber das System ist eben manchmal träge und hat, vom ganzen bunten Blumenstrauss an intelligenten Verkehrsplanungsmöglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen, manche bisher noch gar nicht genutzt. Vielleicht tragen Virus und Lockdown hier zu einem Umdenken bei. Man kann sich eben nicht nur intelligent fortbewegen, sondern auch intelligent zu Hause bleiben oder mit dem Velo fahren. Auch das trägt unter dem Strich zu weniger Stau, geringeren Zeitverlusten und weniger Ausbauten der vorhandenen Infrastrukturen bei. Das sind volkswirtschaftliche Werte.

Wann steht fest, ob die Schweiz und Zürich den Zuschlag für den ITS World Congress 2024 erhalten?

Die Bewerbung ist im Februar eingereicht worden, im Juni haben wir ein Bewerbungsgespräch geführt und Ende Sommer, also sehr bald, wird herauskommen, ob wir die «Preferred City» sind. Dann wird über die Vorbereitung und Durchführung des Kongresses an sich verhandelt und Ende Jahr sollte dann alles unterschrieben sein. Dann geht es richtig los. Schon jetzt spüren wir seitens der öffentlichen Hand sehr viel Unterstützung, die Industrie hingegen zeigt sich noch etwas zurückhaltend. Ich hoffe, dass sich das rasch ändert, denn wer jetzt nicht dabei ist, verpasst sicher eine grosse Chance. Denn dieser Kongress ist eine Lokomotive und wird das heute noch sehr sektorielle Schweizer Verkehrswesen ein bedeutendes Stück vorwärts in Richtung Vernetzung bringen.

 

 

Arnd König

Der Verkehrsplaner Dr. sc. techn. Arnd König ist stellvertretender Abteilungsleiter im Amt für Verkehr des Kantons Zürich. Er hat an der Universität Kassel Bauingenieurwesen studiert und an der ETH Zürich in Verkehrswesen promoviert. Er ist im Vorstand von its-ch und Mitglied des Organisationskomitees, das den ITS World Congress im Jahr 2024 nach Zürich bringen will.

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