asut-Bulletin
Blockchain
Ausgabe
05/2018
Dem «Tiers-Garant» blüht das Ende

Ihrem Wesen nach ist Blockchain ein System, in dem Unbekannte miteinander eine Geschäftsbeziehung eingehen können und dabei die Garantie haben, dass der Mechanismus, den sie vereinbart haben (zum Beispiel Bezahlung eines Preises bei Eintreten einer bestimmten Voraussetzung), erwartungsgemäss funktionieren wird.

Ein Taxichauffeur wird sich so sicher sein können, dass er sein Geld erhält – unter der Voraussetzung, dass er den Kunden zuvor an das gewünschte Ziel gebracht hat; ein Kunde eines Fitnessstudios wird so lange Zugang zu dessen Infrastruktur haben, wie sein Abonnement gültig ist. Diese Technologie, in Kombination mit einer leistungsfähigen Benutzerschnittstelle
und mit dem Internet der Dinge, wird die Rechtsgrundlagen in den kommenden Jahren von Grund auf revolutionieren.

Immer mehr Tools ermöglichen die automatisierte Erstellung von Verträgen mit Hilfe eines Fragenkatalogs. Der Benutzer
oder die Benutzerin beantwortet die Fragen mit Ja oder Nein und gibt einige minimale manuelle Inputs (Adressen der Parteien, Daten, Preise). Anschliessend wird das Dokument entsprechend der getätigten Auswahl automatisch erstellt. Solchermassen generierte Verträge bieten gegenüber der manuellen Erfassung einen entscheidenden Vorteil: Hinter jede Antwort des Benutzers
oder der Benutzerin im Standard-Fragenkatalog wird ein Datenpunkt gesetzt. Die Maschine kennt also den Inhalt des Vertrags.
Von dort bis zur Verbindung eines dieser Punkte mit einem Smart Contract ist es danach nur noch ein kleiner Schritt. Dies erlaubt, das Auftreten eines bestimmten Ereignisses mit einer Konsequenz zu verknüpfen: Beispielsweise könnte ein Vertrag bezüglich des Lieferung eines Gegenstandes einen automatisierten Treuhandmechanismus auslösen, wenn der Nutzer, der eine Liefergarantie wünscht, die entsprechende Option anwählt.                                                                                                                                                                 

Das Internet der Dinge wird mittel- bis längerfristig erlauben, jeden Gegenstand mit dem Internet zu verlinken, und zwar
passiv mittels Sensoren, die Informationen über dessen Umgebung übermitteln, oder über Mechanismen, die eine Fernsteuerung des Gegenstandes ermöglichen (z.B. Türöffnen). Auch hier wird die Rolle der Blockchain darin bestehen, das
System vertrauenswürdig zu machen: Von Sensoren übermittelte Daten können nämlich nicht im Nachhinein verändert werden und eine Aktion kann nur durch eine autorisierte Person ausgelöst werden. Alle diese Prozesse finden fortlaufend statt und sind für die Nutzerin und den Nutzer unsichtbar – genau so, wie die TCP- und IP-Protokolle, die den Webseiten zugrundeliegen, nicht wahrgenommen werden.

Am vielversprechendsten sind Blockchain-Anwendungen in komplexen vertraglichen Bereichen wie etwa im Warentransport auf dem Seeweg. Heute wird für jeden einzelnen Container eine mehrere Zentimeter dicke Papierdokumentation ausgestellt und in einem Ordner abgelegt. Das Vorgehen im Schadensfall ist lang und kostenintensiv. Man denke beispielsweise an den Transport fragiler Waren wie Insulin, das bei unter acht Grad Celsius gelagert werden muss und keinen heftigen Erschütterungen ausgesetzt werden darf. Wird heute bei der Auslieferung festgestellt, dass die Produktqualität beeinträchtigt worden ist, kommt es zu komplexen Haftbarkeits-Untersuchungen entlang der gesamten Lieferkette. Der Schaden wird erst Monate später erstattet. Sind nun aber die Container mit Sensoren ausgerüstet (zwecks Lokalisierung, Messung von Temperatur und Erschütterungen), so würde sofort Alarm ausgelöst, wenn zum Beispiel die Transporttemperatur das vertraglich festgelegte Maximum übersteigt. Anschliessend würde eine voll automatisierte Versicherungsklausel aktiviert, die eine Erstattung der Kosten der betroffenen Ladung auslösen und gleichzeitig eine neue Bestellung aufgeben würde, noch bevor die Ware den Zielhafen erreicht hätte.

Genau darin liegt das eigentliche revolutionäre Potenzial der Blockchain: Sie vereinfacht administrative Prozeduren und macht Vermittler überflüssig; so ermöglicht sie Unbekannten, ohne Umwege über dritte Parteien und zahlreiche Kontrollmechanismen miteinander Geschäfte abzuschliessen.

Erstmals erschienen in: Blockchain – Weg zur dezentralisierten Demokratie? (TA-SWISS-Newsletter 3/17). Wiedergabe mit freundicher Genehmigung von TA-SWISS.

(Foto: Piqsels)

Antoine Verdon

Antoine Verdon, Unternehmer, Jurist, Gründer und Präsident des Vereins Swiss Legaltech Association, ist einer der Experten, die die TA-SWISS-Studie begleiten.

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